Hotel zu den zwei Welten 2008

Hotel zu den zwei Welten 2008

Als dritte Produktion von “theaterTATort” war 2008 das preisgekrönte Theaterstück “Hotel zu den zwei Welten” von Éric Emmanuel Schmitt zu sehen. In vier Aufführungen konnte sich das Publikum im November in Münster sowie im Dezember in Ahlen Gedanken über das Leben nach dem Tod machen, da dies das zentrale Thema der Inszenierung war, die vom Theaterpädagogen Jörg Wenners aus Münster auf die Bühne gebracht wurde. Weitere Informationen erhalten Sie über die linke Navigationsleiste.

Regie: Jörg Wenners

Doktor S.: Ramona Geßler
Laura: Melanie Dresbach
Marie: Katharina Losinzky
Julien Portal: Holger Klocke
Magier Radschapur: Gregor Grüning
Präsident Delbec: Christoph Münstermann
Junge Frau: Stefanie Grüning
Junger Mann: Christoph Becker

Stück

Der vom Leben enttäuschte Sportreporter Julien Portal betritt nach einem schweren Autounfall einen Ort, der an die Empfangshalle eines Hotels erinnert ein Nicht-Ort, vielleicht eher eine Möglichkeit. Dorthin gelangt ist Julien durch einen mysteriösen Aufzug, der die Gäste nach oben oder nach unten befördert. Julien lernt den Präsidenten Delbec und den Magier Radschapur kennen, er begegnet der Putzfrau Marie und  dem unnahbaren Doktor S., verliebt sich in die junge Laura. Wo Julien sich befindet, begreift er erst allmählich. Er kommt ins Nachdenken: über sein bisheriges und – wenn es denn eines geben wird sein zukünftiges Leben. Erst der geheimnisvolle Dr. S. klärt ihn auf. Er habe einen Unfall gehabt, sei schwer alkoholisiert „mit 200 Sachen“ vor einen Baum gefahren. Tot sei er nicht, aber auch nicht mehr lebendig. Julien befinde sich, wie alle anderen Insassen, im Koma, in einem Zustand zwischen Leben und Tod: dem Hotel zu den zwei Welten.
Noch ist nicht klar, wohin der Weg führt, alle Bewohner müssen warten, wie sich ihr Schicksal entscheidet. Denn angesichts des jederzeit möglichen Todes sind alle Menschen gleich, ihre irdischen Privilegien existieren hier nicht.
Da sind Marie, eine Putzfrau, die eigentlich ihren lang ersehnten Ruhestand genießen wollte, oder der Präsident, der seiner Meinung nach gar nicht sterben kann, hält er sich doch für unentbehrlich. Nur der Magier, längster Gast des Hotels, scheint diese Form der Zwischenexistenz dankbar anzunehmen und liest jeden Morgen interessiert die immer gleiche Zeitung seines letzten Tags auf Erden. Und schließlich Julien, der unbewusst sein Leben schon lange satt hatte, aber schockiert erfahren muss, dass sein langer Alkoholexzess hier als geplanter Selbstmord gewertet wird.
Einzig die junge Laura liebt diesen Ort. Im irdischen Leben schwerkrank, war sie schon mehrmals dem Tode nah und zu Besuch im Hotel zu den zwei Welten. Nur hier kann sie sich frei von allen körperlichen Schmerzen bewegen, tanzen, flirten, ein Leben nachholen, das ihr auf Erden versagt bleibt. Überwältigt von so viel Lebenshunger verliebt sich der lebensmüde Julien in Laura, die sich nichts sehnlicher gewünscht hatte. Doch beide müssen erkennen, dass ihr Aufenthalt im Hotel nur von kurzer Dauer sein wird und niemand sagen kann, ob sie leben oder sterben werden. Und Julien will leben – gemeinsam mit Laura!

Autor: Éric-Emmanuel Schmitt

Geboren wurde er 1960. Er besuchte die Pariser Eliteuniversität École Normale Supérieure, erhielt eine Agrégation in Philosophie und promovierte in diesem Fach. Als Theaterautor wurde er zunächst mit seinem Stück Der Besucher bekannt, in dem er ein fingiertes Treffen zwischen Freud und — vielleicht — Gott schildert. Das Stück wurde zu einem Klassiker im Repertoire von Theatern auf der ganzen Welt. Rasch folgte nun ein Erfolg auf den anderen: Enigma, Der Freigeist, Hotel zu den zwei Welten, Kleine Eheverbrechen, Mes Evangiles, La Tectonique des sentiments … Gleichermaßen beim Publikum und der Kritik in hohem Maße beliebt, wurden seine Stücke mit mehreren Molière und dem Grand Prix du Théâtre der Académie française ausgezeichnet. Seine Theaterstücke werden inzwischen in mehr als vierzig Ländern aufgeführt.

Neuerdings hatte Éric-Emmanuel Schmitt sowohl auf der Bühne als auch im Buchhandel mit seinen vier Erzählungen aus dem Cycle de l’invisible – Erzählungen über Kindheit und Spiritualität – einen immensen Erfolg: Milarepa, Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran, Oskar und die Dame in Rosa und Das Kind von Noah. Seine Karriere als Romanschriftsteller, die mit der Veröffentlichung der Sekte der Egoisten begann, nimmt seit der Arbeit an seinem Buch Evangelium nach Pilatus ein gut Teil seiner Kraft in Anspruch; das dunkle Gegenstück zu diesem lichten Werk ist La Part de l’autre. Nach dem Evangelium nach Pilatus schrieb er Als ich ein Kunstwerk war, eine unkonventionelle und zeitgenössische Abwandlung des Faustmythos. Kurz darauf folgte Mein Leben mit Mozart, ein inniger, origineller und sehr persönlicher Briefwechsel mit dem Wiener Komponisten und zwei Sammlungen von Novellen: Odette Toulemonde und andere Geschichten, zu denen er durch seinen ersten erfolgreichen Spielfilm Odette Toulemonde angeregt wurde, und La rêveuse d’Ostende, die die Kraft der Vorstellung würdigt.

Als Musikliebhaber besorgte Éric-Emmanuel Schmitt die französische Übersetzung von Figaros Hochzeit und von Don Giovanni. Stets neugierig, öffnet er zu unserer größten Freude immer wieder neue Türen, hält uns neue Spiegel vor.

Éric-Emmanuel Schmitt lebt in Brüssel. Alle seine Werke sind bei Albin Michel erschienen.

Informationen entnommen: http://www.eric-emmanuel-schmitt.com

Mitwirkende

Ramona Geßler als Doktor S.:

„Das ist das Problem von euch Menschen! Ihr müsst immer Gewissheit haben. Gewissheit. Gewissheit um jeden Preis, selbst auf Kosten der Wahrheit. Ihr solltet lieber Kinder bleiben und mit Vermutungen spielen wie mit Seifenblasen, sie anschauen, sie betrachten, sie werfen, sie wieder fangen. Denn ihr werdet nie zu etwas anderem imstande sein, als mit Vermutungen zu spielen. Wenn ihr nichts mehr wisst, könnt ihr immer noch vermuten … Aber Ängste oder Hoffnungen in Überzeugungen zu verwandeln, dieser Weg führt ins Unglück.“

Melanie Dresbach als Laura:

„Im Grunde liegt das Glück auf der flachen Hand. Es reicht, bewe­gungslos zu bleiben, alles zu vergessen, was gestern war und morgen sein wird. Wenn es einem gelingt, sich ganz klein zu machen, sich in das Heute hineinzukuscheln wie in einen Sessel, dann kann man das ganze Universum genießen. Ein großes Glück besteht bloß aus ganz kleinen Dingen.“

Katharina Losinzky als Marie:

„Vielleicht gibt es dort oben einen Garten, wie man’s uns erzählt hat, als wir klein waren, mit Blumen, Bäumen …, mir würde ein Garten gefallen …, da wäre ich wenigstens sicher, dass keiner von mir verlangt, zu putzen.“

Stefanie Grüning als junge Frau, stumm

Christoph Becker als junger Mann, stumm

Gregor Grüning als Magier Radschapur:

“Als ich klein war, bin ich manchmal im Garten auf den Pflaumenbaum geklettert, ich habe von oben runtergeguckt auf die kleine Welt unseres Dorfes und ich fühlte mich wie elektrisiert, irgendwie überlegen. »Wenn ich will«, dachte ich, »könnte ich aufhören, zu atmen.« Und ich hielt den Atem an. Und je schwerer mir das fiel, je mehr ich rot anlief, umso stärker fühlte ich mich und dachte, das kannst du noch lange so aushalten. Aber letzten Endes habe ich dann natürlich weitergeatmet.“

Holger Klocke als Julien Portal:

„Es sollte in allen Schulen jeden Morgen eine Stunde Staunen geben. Macht die Augen auf, über euch selbst. Staunt. Wundert euch. Freut euch. Stattdessen stopft man uns die Schädel voll mit Namen von Flüssen, wie hoch Berge sind, Geschichte von Kriegen, Multiplikationen, Algebraformeln, wo man völlig unverständlich Buchstaben und Zahlen vermengt, Dreisatz, Regeln über die Veränderlichkeit des Partizips, dem Konjunktiv im Imperfekt … Alles, um uns das Leben endgültig zu vermiesen!“

Christoph Münstermann als Präsident Delbec:

„Nun, mein junger Freund, eine solche Örtlichkeit kann es gar nicht geben. Sie wird nirgendwo erwähnt. Wären Sie religiös erzogen worden, wüssten Sie genauso gut wie ich: Wir fahren direkt hoch zu Gott.“

Der Regisseur

Jörg Wenners, Münster, geb. 1972, Theaterpädagoge

Wenners über die Inszenierung von HOTEL ZU DEN ZWEI WELTEN mit dem Ensemble theaterTATort:

„In der griechischen Mythologie war Charon der düstere greise Fährmann, der die Toten für ein paar Kröten über den Totenfluss begleitet hat, damit sie in das Reich des Hades gelangten. In HOTEL ZU DEN ZWEI WELTEN spielt Doktor S. den Fährmann des Schicksals, der die Gäste höflich aber bestimmt an den Fahrstuhl geleitet, wenn ihre Zeit gekommen ist. Was Doktor S. letztendlich dazu bewegt, selber Schicksal zu spielen, ist die Liebe zweier Menschen. Die Liebenden bringen den kalten Doktor S. zum Schmelzen. Ich frage mich: Ist Doktor S. am Ende selber Gott? Und wer sind wir?“